Freitag, 5. Mai 2017

Auf den Leib geschneidert (von der Notwendigkeit von Schnittanpassungen)

Wenn wir selbst nähen, dann erwarten wir fast selbstverständlich ein Kleidungsstück, das uns ja nunmal auf den Leib geschneidert wurde - stattdessen bekommen wir oft ein Stück, das genauso wenig passt wie die Kleidung von der Stange oder - noch schlimmer - gar nicht passt. Hier zu eng, dort zu weit, hinten zu kurz und was sollen eigentlich diese Falten da?

Was nur irgendwie angepasst wird, das sitzt halt auch nur irgendwie, daher möchte ich euch heute mal ein wenig zu der Notwendigkeit von Schnittanpassungen erzählen. Um möglicherweise falsche Hoffnungen gar nicht aufkommen zu lassen sei gleich gesagt, dass es in diesem Beitrag nicht um die Schnittanpassung an sich geht, sondern er soll zeigen, warum es so wichtig ist sich mit solchen Anpassungen auseinander zu setzen.


Schnittanpassung hat viel mit dem Erkennen von Ursachen zutun. Das braucht Zeit und Erfahrung, aber ist natürlich auch für Anfänger ein wichtiges Thema - denn was nutzt das Selbernähen, wenn es am Ende genauso schlecht sitzt wie von der Stange?
  1. Wieso passt es nicht, obwohl die Maße stimmen?
  2. Balance im Kleidungsstück?
  3. Das richtige Maß finden
  4. Muss ich denn wirklich jeden Schnitt anpassen?
  5. Wie erkenne ich Passformmängel?
  6. Was sind die Grenzen der Schnittanpassung?
  7. Die Notwendigkeit von Schnittanpassungen am Beispiel
  8. Was nutzt denn so ein Abnäher?



1. Wieso passt es nicht, obwohl die Maße stimmen?


Unseren Körper auszumessen ist unverzichtbar, dennoch sind Maße allein keine Garantie für ein passendes Kleidungsstück. Leider ist es nicht immer so einfach Passformmängel vor dem Nähen zu erahnen oder zu messen. Die Maße können stimmen, aber trotzdem falsche Proportionen haben. Denn das Maß bestimmt nur, wie lang der Weg zwischen zwei Punkte ist - nicht was dazwischen passiert.

Es ist schließlich auch ein Unterschied ob wir eine 5km lange Strecke auf dem geraden Hamburger Deich oder in den bergigen Alpen mit dem Rad fahren.

Nehmen wir dieses Beispiel von zwei gleichlangen Kleid. Während die Länge links gut verteilt ist, sitzt es rechts gar nicht - im Hohlkreuz staucht der Stoff (1) und gleichzeitig wird der Saum durch mehr Länge über den runden Po hinten hochgezogen (2). Die Länge an sich stimmt, aber die Verteilung ist so ungünstig, dass es dennoch nicht passt. Würde man nun die Länge aus dem Oberteil wegnehmen und sie am Po wieder hinzufügen, dann würde es wieder passen.

Dabei ist es aber nicht allein die Länge, die für ein unstimmiges Ergebnis sorgt, sondern auch die Balance, denn durch die fehlende Länge der Saum hochgezogen und der nimmt die Seitennaht mit, sodass auch das vordere Rockteil nach hinten gezogen wird. Dadurch wird die Balance im ganzen Rock gestört.

Nun könnte man dieses und ähnliche Probleme teilweise auch vorab lösen, wenn man genauer Maß nimmt, also statt die Länge des gesamten Kleides zu messen, würde man zB die hintere Rückenlänge messen - viele Hinweise über Maße und das richtige Maß nehmen, habe ich euch schonmal in der Woche nach Maß vorgestellt.

2. Balance im Kleidungsstück


..oder warum auch ein passender Rock hochkrabbelt

Für den stimmmigen Gesamteindruck eines Kleidungsstückes, zB eines Rockes, müssen der Saum und die Seitennähte gerade sein. Da wir zumeist mit beiden Beinen fest im Leben stehen und das Auge sich daher auch an der Umgebung orientiert, ist es nicht so wichtig, dass der Rocksaum parallel zur Taille ist, sondern vielmehr zum Boden, denn damit vergleicht unser Auge. Entscheidend ist also nicht, dass alle Rockteile von der Taille aus gleich lang sind, sondern vielmehr, dass der Rock an die Trägerin angepasst wird und somit der Saum parallel zum Boden verläuft.

Ihr kennt das vielleicht, dass ein Rock beim ersten Anziehen vor dem Spiegel noch sehr schön sitzt, aber nach den wenigen Schritten hängt er plötzlich schief und wirft merkwürdige Falten, er verwirrt sich in den Beinen und krabbelt hoch.

Die Wenigsten von uns haben eine waagerechte Taille, sondern aufgrund von Haltung und Körperbau ist unsere Taille geneigt. Schnittmuster berücksichtigen eine leichte Neigung bereits (deshalb sind Röcke am Bund schon leicht rundlich), aber je nachdem wie ausgeprägt sie ist, desto mehr kommen sie trotzdem aus der Balance.


Um die Balance wieder herzustellen, solltet ihr zuerst prüfen, ob der Rock genug Weite an den Hüften hat, denn das "Hochkrabbeln" des Rockes kann auch daran liegen, dass der Stoff sich hochschiebt, wenn er zu eng sitzt.
Nachdem ihr das ausgeschlossen habt, ist die Seitennaht ein guter Hinweis für den richtigen Sitz. Richtet die Seitennaht senkrecht aus und legt ein Gummiband um die Taille um zu schauen, wo Länge weggenommen oder zugegeben werden muss.

Um zukünftige Projekte gleich richtig anzufertigen wird die Strecke vom Boden aus gemessen:


Ist also dann zB die hintere Mitte vom Boden bis zur Taille 5cm länger als die vordere Mitte, dann müssen die Rockteile entsprechend angepasst werden. Dies geschieht unter Berücksichtigung der Maße der linken und rechten Seite gleichmäßig über die gesamte Bundlänge verteilt. Einen wunderbaren Beitrag samt Beispiel dazu hat Julia von Sewing Galaxy vor einiger Zeit veröffentlicht.
Der Betrachter wird schließlich am Körper, in der Bewegung und mit einem gerade Saum nicht erkennen können, dass die Taille geneigt ist oder der Rock über einen runden Po mehr Länge braucht.
Der Rock wird also von oben angepasst, aber von unten gemessen.

3. Das richtige Maß finden


Und wo wir gerade über das Messen von Röcken reden, möchte ich euch noch auf einen häufigen Messfehler, der gerade bei engen Röcken entscheidend sein kann, hinweisen.

Röcke werden anhand des Hüftmaßes, also der breitesten Stelle der Hüfte ausgewählt. Gerade für Frauen mit einem Bäuchlein stellt das manchmal keine einfache Messung dar, denn es gibt mehrere Stellen, die etwas ausgepräger sind. Am Bauch, am Po, an der Hüftkurve - oft sind diese Maße relativ eng beieinander. Im Beispiel sieht man wie eng zwei Maße aneinander sind (1) - wir wählen natürlich pflichtbewusst das größere Maß und suchen danach den Schnitt aus.

Der Schnitt ist aber gar nicht für ein Bäuchlein ausgelegt und obwohl er an der gemessenen Stelle ideal passen würde (2), muss das Bäuchlein halt auch mit rein in den Rock.


Das Ergebnis könnt ihr euch vielleicht schon denken, denn der Rock ist plötzlich an dieser Stelle zu eng, verzieht sich und erzeugt Zugfalten (3). Um das korrekte Maß zu ermitteln müssen wir unsere Kurven also zu einem Maß zusammenfassen. Theoretisch geht das, indem man ein Lineal oder Ähnliches am Bauch senkrecht entlangführt und dann so das neue Maß ermittelt (4). Praktisch sind da Probemodelle hilfreich, die genug Nahtzugabe stehen lassen um noch ein paar cm auszulassen. Falls der Rock durch die benötigte Mehrweite dann an der Taille zu weit wird, ist die Weite mit Abnähern wegzunehmen.
Der Rock wird nach der breitesten Stelle ausgewählt und dann verschmälert.

Wer auf die Idee kommt eine Bauchanpassung, also quasi eine FBA für das Bäuchlein zu machen, könnte natürlich den Platz vergleichbar schaffen, aber man möchte ja eigentlich ungern das Bäuchlein so ausformen wie zB die Brust. Daher wird der Rock wohl eher gerade herunterfallen und dann braucht man die gesamte Weite wie oben beschrieben.


4. Muss ich denn wirklich jeden Schnitt anpassen?


Das lässt sich kaum genau sagen - das kommt ganz darauf an wie ausgeprägt die Abweichungen des eigenen Körpers von den Maßen des Schnittmusters sind, wie gut der einzelne Schnitt sitzt, wie wichtig die genaue Passform bei dem Kleidungsstück ist und wie der Stoff sich verhält. Eine körpernahe Bluse aus Webware muss natürlich genauer angepasst sein als ein loses Shirt aus Jersey. Grundsätzlich passt aber alles besser, wenn es genau angepasst wurde.

Die wenigsten von uns erfüllen genau das Maß eines jeden Schnittmusters. Tatsächlich gibt es keine Standardmaße - weder bei den Schnittmuster noch bei der Konfektionsware. So etwas wie eine Kaufgröße gibt es daher auch nicht. Dass ein Schnitt also auf Anhieb gut sitzt ist zumeist eher Zufall.

Ein Kleidungsstück sitzt immer dann sehr gut, wenn es in Balance ist und der Fall, also der Fadenlauf, zum Körper passt. Die einzelnen Fäden eines Gewebes sollten also stets den Formen des Körpers folgen - besonders gut erkennt man das bei Streifen- oder Karostoffen.


Bei dem Modell oben rechts zB sieht man ganz wunderbar, wie unterhalb der Brust (und auch an der Seitennaht) Weite weggenommen wird.
An dem Modell unten links werden die Weiten durch Einhalten bzw. Falten weggenommen, aber viel spannender ist wie schön gerade der Saum liegt - die Länge ist sehr gut an die Dame, an ihre Figur angepasst.


5. Wie erkenne ich Passformmängel?


Nun verarbeiten wir ja nicht immer Streifen- und Karostoffe, aber Passformmängel kann man eigentlich recht gut erkennen - es sitzt halt nicht. Zumeist trägt es sich unangenehm und vor allem ein kritischer Blick in den Spiegel zeigt schnell verräterische Falten, aufgeplusterten Stoff oder schiefe (Seiten-)Nähte und Säume. Noch ein wenig einfacher wird es, wenn ihr auch andere markante Stellen wie die vordere und hintere Mitte und die Brust sowie Taille kennzeichnet und ihren Verlauf am Körper prüft.

Achtung: Beurteilen solltet ihr euer Modell übrigens immer erst nachdem ihr einige Schritte gegangen seid und euch ein wenig bewegt habt, denn ein zu enger Rock zB schiebt sich bei der Bewegung hoch und nicht beim Stillstehen vor dem Spiegel.

Einfacher ist es aber zu überlegen, ob man in der Vergangenheit oft wiederkehrende Probleme hatte. Mädchen mit viel Brust haben wahrscheinlich keine gute sitzende Bluse im Schrank, an Mädchen mit breiten Hüften schlabbern die Hosen immer in der Taille und Mädchen mit schmalen Schultern ist alles irgendwie zu weit obenrum.. Wir können nicht immer sofort benennen, was die Ursache ist, aber das Symptom kennen wir meistens schon.


6. Was sind die Grenzen der Schnittanpassung?


Damit kommen wir auch gleich mal zu den Grenzen der Schnittanpassung und eine davon ergibt sich schon ganz logisch - wir passen natürlich keine asymmetrischen, unvorteilhaften oder ungeliebten Stellen an. Es liegt an uns ein Bäuchlein verschwinden zu lassen und nicht ausgerechnet noch zu betonen. Auch zB schiefe Hüften passen wir nicht bis zum Letzten an, sondern finden ein Mittel zwischen Passformgenauigkeit und einer gefälligen Betrachtung. Und das Verhältnis zwischen Anpassungsaufwand und Verbesserung sollte natürlich stimmen - kleinere Abweichungen können auch hingenommen oder durch ein bisschen Schummeln korrigiert werden.

Manche Formen und Gestaltungen bringen auch gewisse Faltenbildung schlichtweg mit sich. zB verursacht ein angeschnittener Ärmel immer Falten in der Achsel, wo der Stoff sich zusammenschiebt. Ist das Modell ansonsten gut angepasst, dann ergibt sich trotz der Falten ein gefälliges Bild (wie rechts zu sehen) - kommt ein solcher Faltenwurf mit einer schlechter Passform zusammen, dann wirkt es knautschig und unpassend.

Bei aller Anpassung sollten wir auch nicht vergessen, dass unsere Kleidung bequem, beweglich und für echte Menschen tragbar bleiben muss. Wir sind keine Schaufensterpuppen und bewegen uns - laufen, rennen, sitzen, spielen, drehen, tanzen, all das muss unsere Kleidung mitmachen können. Daher sollte man nicht nach einem perfekten Kleidungsstück streben - Falten in Bewegung oder Bequemlichkeitszugaben gehören dazu.


7. Die Notwendigkeit von Schnittanpassungen am Beispiel


Da es ein schön anschauliches Beispiel ist und ich ja nunmal eine gewisse Affinität zu dem Thema habe, möchte ich das mal an der Anpassung für die große Brust (Full Bust Adjustment) demonstrieren. Es gibt recht eindeutige Zeichen, die auf eine fehlende Anpassung an der großen Brust hinweisen, aber man muss sie auch erkennen. Das ist manchmal gar nicht so einfach (auch weil unter Umständen eine Kombination aus anderen Normabweichungen ein ähnliches Bild verursacht), aber vielleicht erleichtert manchen dieser Beitrag ja auch die Ursachenforschung.

Ich habe mal ein ganz einfaches Schnittmuster ohne Abnäher und ohne eingesetzte Ärmel in der passenden Oberweitengröße zugschnitten, wichtige Punkte wie vordere Mitte und Taille markiert und der Puppe übergeworfen.


Das ist was euer Stoff ohne das Rückenteil tun würde - er folgt im Prinzip der Brust, die nicht nur den höchsten Punkt beschreibt, sondern über die der Stoff auch den längsten Weg braucht, sodass der Saum rundlich fällt und die Seitennaht vom Stoff in der Mitte hoch gezogen wird

Das ist übrigens das, was (wie oben beschrieben) auch bei Röcken passiert - wenn statt der Brust ein großer Po mehr Länge braucht, dann wird der Saum am unteren Rand ähnlich hochziehen.

Nun zwingen wir aber unser Oberteil durch die Seitennähte zu einem anderen Verlauf und erhalten ein anderes Bild:

 

Um das mal näher zu beschreiben habe ich das nochmal in Großaufnahme und die markanten Stelle durch Nummern gekennzeichnet:


Wir sehen vom Armloch kommend eine Falte im Stoff, der zum Brustpunkt läuft (1). Es handelt sich um eine Beugefalten, denn Stoff wird (durch das Abknicken) zusammengeschoben. Man könnte meinen, dass es sich anbietet einfach einen Abnäher einzufügen, allerdings würden wir dadurch das Armloch und die gesamte Länge des Oberteils massiv verkürzen, weshalb das nicht zu empfehlen ist (Näheres dazu hier nochmal).

Stattdessen kann man die Beugefalte besser dadurch beheben, dass mehr Raum gegeben wird. (Ich kann euch verraten, dass die Lage ziemlich genau dem Punkt entspricht, bei dem wir bei einer Full Bust Adjustment vom Ärmel aus Platz zur Brust dazugeben.) Dadurch hat der Stoff genug Platz um trotz Rundung am Körper glatt zu liegen.

Weiter unten sehen wir Falten, die sich von der Seitennaht hoch zur Brust ziehen (2). Anders als bei der Falte im Armloch haben wir hier Zugfalten. Zugfalten zeigen zu den Punkten an oder zwischen denen der Zug ausgeübt wird und je gerader und tiefer die Falten desto stärker ist der Zug. Hier ist der Zug noch nicht besonders stark, aber führt vom Brustpunkt eindeutig zur Stecknadel in der Seitennaht (auf dem Bild weiter oben schräg von vorn ist es noch deutlicher zu sehen).

Durch die Hebung (3) kann man gleichzeitig die Zugfalten erklären, denn der Weg über die große Brust ist länger als im Schnitt vorgesehen. Die Länge, die die größere Brust braucht, fehlt am Saum - der zieht nach oben. Solange das Schnittteil lose war, folgte der Stoff einfach dem Fall über die Brust. Durch die Seitennaht zwingen wir aber den Stoff in die gewünschte Form. Nun muss der Saum (bzw. die waagerechten Fäden im Gewebe) den Bogen mitgehen. Dazu wiederum bräuchte er mehr Weg als in der Waagerechten und da er diesen nicht bekommt, bildet sich die Spannung, die Zugfalten entstehen lässt.

Durch eine entsprechende Anpassung beheben wir all diese Fehler. Wir geben mehr Raum über die Brust, sodass der Stoff wieder genug Platz hat und die Beugefalte verschwindet, geben mehr Weite, weil die größere Brust mehr Umfang bedeutet (nehmen diese durch Abnäher in der Taillennaht wieder weg), und fügen Länge genau über die Brust hinzu (nehmen diese durch den Abnäher in der Seitennaht wieder weg).

Es ist ein sehr gutes Beispiel für eine gelungene Schnittanpassung. Zudem kann man auch gut erkennen, dass es bei einem schiefen Saum (egal ob Oberteil oder auch Rock) nicht so empfehlen ist, einfach den Saum zu korrigieren und unten gerade abzuschneiden, denn das behebt die Zugfalten und die fehlende Balance im Kleidungsstück nicht.


8. Was nutzt denn so ein Abnäher?


Ein paar Worte möchte ich nun noch zum Abnäher selbst verlieren - ich habe dem Oberteil keine komplette Anpassung verpasst, da es nur zur Verdeutlichung dient, aber ich habe mal einen Abnäher (nämlich den Keil von (1)) lose abgesteckt, um euch zu zeigen welchen Effekt ein einfacher Abnäher haben kann:


Links seht ihr wieder das Oberteil, wie es eigentlich gern an der Figur fallen möchte. Durch den Abnäher habe ich diesen Fall umgelenkt und erhalte (ohne weitere Fixierung!) eine wunderbar senkrechte Seitennaht - genau das ist es, was Abnäher für uns tun können.

(Um das nochmal klar zu sagen: Dies ist nur zur Verdeutlichung - ein solcher Abnäher würde tatsächlich nicht taugen, denn zum einen verkürzt er das Armloch, aber auch die Länge des gesamten Vorderteils, und zum anderen ist weiterhin an der Taille und an der Schulter das ganze Oberteil zu weit - eine große Brust braucht Platz genau dort, nämlich an der Brust. Näheres dazu findet ihr im Beitrag zur FBA, den ich allen Mädchen mit einer großen Brust ans Herz legen möchte.)


Schlusswort


Ich hoffe ist es nun ersichtlich(er) warum eine gezielte und eigene Anpassung so wichtig ist - Abweichungen, Falten und Balancen sollten behoben werden, damit das fertige Kleidungsstück wirklich auf den Leib geschneidert ist und viel Freude bereitet. Falls ihr Fragen oder Ergänzungen habt, immer her damit.

Mittwoch, 26. April 2017

Fertig: Hosenrock!

Obwohl ich schon mehrmals einen Anlauf gestartet hatte, habe ich bislang noch keine vorzeigbare Hose genäht - irgendwie war die Hose mir zu komplex. Welche Anpassungen ich da brauche? Keine Ahnung und ehrlich gesagt auch kein echter Ansatzpunkt für Änderungen. Das sollte sich nun aber endlich ändern - auch gestärkt durch immer mehr Wissen zu Schnitten und Passform habe ich mich also wieder an eine Hose gemacht.. genauer gesagt an einen Hosenrock. Röcke habe ich schon ein paar genäht, also ist quasi die Hälfte schon geschafft.. oder so ähnlich..

Hosenrock mit hohem Bund Burda #120 05/2014, Simplicity 7708/1093
Ich habe einen Schnitt von Burda (Modell 120 aus 05/2014) verwendet, den ich im Heft - um es mal sehr nett zu sagen - merkwürdig fand. Was sollen diese riesigen Falten? Und wieso bindet man sich eine Kordel um die Hüfte? Aber die Schnittführung war wie gewünscht: einfach und auf Taille geschnitten. Gewünscht war eine einfache ausgestellte Shorts wie sie auch in den 40er Jahren gern getragen wurden. Die Silhouette war klar und so wurden die Details vernachlässigt - um genau zu sein vernachlässigte ich den Verschluss, die Abnäher, die Taschen und die Falten. 

Ich vergrößerte zunächst den Schnitt auf eine Größe 46, dann nähte ich ein Probemodell und es saß wirklich furchtbar. Also änderte ich vorn und hinten die Leibhöhe und rationalisierte die vorderen Falten weg. Ich passte für das Hohlkreuz die hintere Mitte an und bei der Gelegenheit schloss ich die hinteren Abnäher, indem ich die Weite nach unten hin zugab. Das Gleiche machte ich mit den vorderen Abnäher, die entstanden waren nachdem ich die Falten geschlossen hatte. Die Seitennähte habe ich etwas angeglichen, da diese durch das Schließen der Abnäher sehr steil geworden waren und den Bund habe ich etwas verschmälert.

Den Verschluss legte ich in die hintere Mitte und nutzte einen Nahtreißer, damit das nicht so auffällt. Leider konnte ich es nicht mehr fotografieren, weil nach den ersten paar Bildern das Telefon läutete und ich los musste, aber das reiche ich nach.

Hosenrock mit hohem Bund Burda #120 05/2014, Simplicity 7708/1093

Da der Abnäher am Po etwas breiter war, ist nun das hintere Hosenteil etwas weiter und bei der nächsten Hose werde ich das vordere Hosenteil etwas mehr ausklappen, damit es ebenfalls weiter fällt. Ansonsten werde ich dem vorderen Hosenteil vielleicht doch noch ein paar Falten (aber viel schmaler als von Burda vorgesehen!) spendieren, damit es am Bauch etwas weniger eng wirkt.
Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis bin!

Auch wegen des dankbaren Stoffes ist der Hosenrock sehr gut gelungen - ein Reststück von karstadt für ein paar Groschen aus Viskose und Plastik. Fast erinnert der Stoff ein wenig an Arbeitskleidung, aber ist doch um einiges weicher.

Das Oberteil nach Simplicity 7708/1093 habe ich schon vor einiger Zeit genäht und obwohl es von der Passform wirklich sehr einfach ist und der Stoff mir auch immernoch zu grell ist, trage ich es oft und gern - es ist so bequem und luftig leicht. Ich überlege sogar nochmal eins zu nähen..

Hosenrock mit hohem Bund Burda #120 05/2014, Simplicity 7708/1093

Auch der Hosenrock soll nur der Erste einer Reihe sein - mindestens ein knieumspielendes Exemplar für den Alltag und ein weiteres kurzes mit passender Bluse, damit ich im Sommer auch schick zur Eisdiele radeln kann, sind geplant. Ich werde also die oben genannten Kleinigkeiten noch ändern und dann kann es losgehen - oder meint ihr nicht? Wie findet ihr mein Modell? Habt ihr Verbesserungsvorschläge oder Tipps zu Hosen?
[verlinkt beim MeMadeMittwoch]

Donnerstag, 13. April 2017

Anleitung: Knotenohrringe!

Knoten aus Glasperlen auf Ohrclips selbst machen

Nachdem ich ja selbst keine Anleitung für Knotenohrringe gefunden habe, habe ich es einfach selbst versucht und war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Daher möchte ich Dir kurz zeigen wie ich es gemacht habe.

Du brauchst dafür:
  • verschiedenfarbige Perlen (grundsätzlich nach Geschmack, aber sie sollten nicht zu groß sein - ich habe Rocailles in 3mm verwendet),
  • biegsamer Schmuckdraht (hier 0,3mm Durchmesser)
  • Ohrclips
  • transparenter Nylonfaden
  • Kneifzange
  • Nadel
  • Schere 

Im Gegensatz zum Armband oder zur Halskette, die sich geschmeidig legen sollen, brauchen die Knoten etwas Stand und Festigkeit, daher wird hier Draht statt Faden verwendet.

Zunächst werden zwei gleichlange Stücke des Schmuckdrahtes zugeschnitten, in der Mitte geknickt und verzwirbelt, sodass vier gleiche Stränge entstehen. Auf die werden die Perlen aufgefädelt. Meine Stränge waren 12cm lang und wurden zu 8cm mit Perlen bestückt, aber das kommt ein bisschen darauf an wie groß die Perlen sind und wie groß der Knoten werden soll. Ich würde Dir empfehlen lieber ein paar Perlen zuviel aufzufädeln.

Anleitung: Knotenohrringe, wie man sie in den 50er Jahren trug

Die vier Stränge werden möglichst glatt nebeneinander gelegt und dann wie ein Strang behandelt. Falls ihr verschiedenfarbige Stränge habt, achtet auch darauf, dass die einzelnen Stränge jeweils an ihrem Platz bleiben, dann sieht es am Ende schöner aus.

Und dann wird auch schon geknotet, also zunächst eine Schlaufe bilden..

Anleitung: Knotenohrringe, wie man sie in den 50er Jahren trug

..und die offenen Enden durchziehen.

Anleitung: Knotenohrringe, wie man sie in den 50er Jahren trug

Nun werden die Enden auf der Unterseite zusammengeführt..

Anleitung: Knotenohrringe, wie man sie in den 50er Jahren trug

..und die einzelnen Perlenstränge gleichmäßig festgezogen, zurechtgerückt und sortiert. Falls Deine Stränge zu lang geraten sind, kannst Du einfach die überschüssigen Perlen an den offenen Enden wegnehmen.

Anleitung: Knotenohrringe, wie man sie in den 50er Jahren trug

Der Knoten kann an den Ohrclip geklebt oder mit einem transparenten Faden festgenäht werden - je nachdem welche Methode sich für Deinen Ohrring besser eignet.

Die Auswahl des richigen Materials war eigentlich das Schwierigste und die fummelige Arbeit mit den Perlen etwas gewöhnungsbedürftig, aber es lohnt sich und Passendes zu bestehenden Schmuckstücken ist schnell gemacht. Ansonsten sind die Ohrringe aber gar nicht schwer, also warum nicht mal versuchen?

Dienstag, 11. April 2017

Anleitung: Geflochtene Halskette!

Schmuck der 40er und 50er Jahre mit Glasperlen

Ich möchte euch heute zeigen, wie ich mir aus Glasperlen eine perfekt zur Bluse passende Halskette mache - das Armband dazu hatte ich hier schon gezeigt.

Du brauchst dafür:
    • verschiedenfarbige Perlen (grundsätzlich nach Geschmack, aber sie sollten nicht zu groß sein - ich habe Rocailles in 2mm verwendet),
    • Schmuckdraht (hier 0,8mm Durchmesser)
    • Karabiner (oder anderen Verschluss)
    • Sprengringe (oder Kette)
    • Perlenkappen
    • transparenter Nylonfaden
    • Kneif- und Rundzange
    • Perlnadel
    • Schere

    Zunächst werden 4 Stränge benötigt - diese sollten jeweils doppelt zu lang sein wie die gewünschte Kettenlänge. Durch das Flechten geht zwar ein wenig Strecke verloren, aber die wird durch die Verschlüsse nachgeholt.

    Es werden also mit Hilde der Perlennadel die Perlen auf den Nylonfaden gefädelt und im Anschluss werden die Fadenenden mehrfach verknotet. Die Enden solltest Du nicht so kurz schneiden wie ich und lieber nochmal durch die Perlenfädeln, damit sie darunter verschwinden.

    Knipse zwei ca. 3cm langes Stück Schmuckdraht ab und forme mit der Rundzange eine kleine Schlaufe am Anfang jeden Stückes. In eine Schlaufe werden die Anfänge der Stränge gelegt.

    Schmuck selbst machen: Geflochtene Halskette oder Armband | Beswingtes Allerlei

    Dann kann es auch schon an das Flechten gehen. Ich wollte keine platte Kette und habe daher rundgeflochten. Und das funktioniert so: 
    Schmuck selbst machen: Geflochtene Halskette

    (5) entspricht von der Lage der Stränge (1) und dann geht es wieder von vorn los.

    Am Ende der Verflechtung werden die Stränge in die Schlaufe des zweiten Schmuckdrahtstückes gelegt.

    Schmuck selbst machen: Geflochtene Halskette oder Armband | Beswingtes Allerlei

    Schiebe nun die Perlenkappe auf den Draht auf..

    Schmuck selbst machen: Geflochtene Halskette oder Armband | Beswingtes Allerlei

    ..und forme dicht daran eine weitere Schlaufe, sodass die Perlenkappe fixiert wird.

    Schmuck selbst machen: Geflochtene Halskette oder Armband | Beswingtes Allerlei

    Mit Sprengringen und einem etwas größeren Ring (geformt aus dem Schmuckdraht) wird eine kleine Verlängerungskette gefertigt..

    Schmuck selbst machen: Geflochtene Halskette oder Armband | Beswingtes Allerlei

    ..und auf der anderen Seite der Karabiner befestigt.

    Schmuck selbst machen: Geflochtene Halskette oder Armband | Beswingtes Allerlei

    Und dann ist die Kette auch schon fertig. Sicherlich kann man manches eleganter lösen, aber als Spielerei und um passende Schmucksets anzufertigen, finde ich es eine schöne Variante und ein bisschen stolz, dass ich es ganz gut hinbekommen habe, bin ich auch.

    Die Anleitung zu den Knotenohrringe folgt dann in Kürze.
    [verlinkt beim Creadienstag]

    Donnerstag, 6. April 2017

    Selbstgemachter Schmuck - passend zum Frühlingsensemble!

    Das Armband hatte ich neulich schon gezeigt und nun sind auch noch zwei von den typischen Knotenohrringen dazu gekommen.

    Während ich die Glasperlen beim Armband auf durchsichtigem Nylonfaden gefädelt habe, musste ich bei den Ohrringen Draht benutzen, damit ich die Perlenstränge auch gut und haltbar ineinander verschlingen konnte. Ein paar Knotenohrringe aus den 50er Jahren vom Flohmarkt dienten als Grundlage und ich bin sehr angetan von meinem Set - eine Halskette wird auch noch folgen!

    Wie findet ihr's? Besteht irgendein Interesse an einer Anleitung für Armband oder Ohrringe?


    [verlinkt beim Rums]

    Montag, 3. April 2017

    Von Fall zu Fall (oder wie der Fadenlauf unsere Kleidung beeinflusst)

    Der Fall von Kleidung bestimmt Bequemlichkeit, Aussehen und Verhalten von Kleidungsstücken ganz enorm. Neben dem Gewicht, der Gewebe- und Stoffart hat auch der Fadenlauf großen Einfluss auf den Fall von Kleidung und das soll hier kurz thematisiert werden.

    1. Was ist der Fadenlauf?
    2. Wie wirkt sich der Fadenlauf auf den Fall aus?
    3. Welche Auswirkungen hat ein falscher Fadenlauf?
    4. Kann man einfach quer zum Fadenlauf zuschneiden?
    5. Der Schrägschnitt und die französische Designerin
    6. Beispiele zum Fadenlauf
    Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat



    1. Was ist der Fadenlauf?


    Für einen guten Fall von Kleidung müssen wir auf die Balance der Kleidungsstücke und auf den Fadenlauf achten. Wer mit dem Nähen beginnt wird feststellen, dass der Fadenlauf meistens der vorderen und hinteren Mitte entspricht (wenn man mal Kleidungsstücken absieht die aus gestalterischen Gründe im diagonalen Fadenlauf geschnitten werden). Das ist wichtig, damit Kleidungsstücke gerade am Körper herunterfallen und sich nicht verziehen oder verdrehen.

    Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat
    Der Fadenlauf liegt stets parallel zur Webkante/Längskante (1).

    Diagonal zum Fadenlauf (2), im sog. Schrägschnitt, lässt sich der Stoff am meisten dehnen.

    Im rechten Winkel, also quer zum Fadenlauf befindet sich die Stoffbreite (3).

    Der Kettfaden ist gleichbedeutend mit dem Fadenlauf. Er läuft parallel zur Längs-/Webkante und wird sehr straff im Webstuhl eingespannt. Wegen dieser Spannung sind die meisten Stoffe nicht in der Länge dehnbar. Der Schussfaden hingegen läuft rechtwinklig zur Webkante. Er wird durch die Kettfäden geschossen und trotz einer gewissen Spannung sind die Fäden nicht ganz gestrafft, sodass meist noch eine gewisse Nachdehnung erreicht werden kann (außer bei Plastikfäden). Die Art wie Kett- und Schussfaden miteinander verkreuzt werden nennt man Bindung. Die drei gängigsten Bindungen sind die Leinenbindung, Köperbindung und Atlasbindung.

    Sich an der Webkante zu orientieren ist die einfachste Variante den Fadenlauf zu finden - wie ihr den Fadenlauf zB bei Maschenware oder bei Reststücken oder Ähnliches findet, ist nicht Teil dieses Beitrages, aber hier findet ihr zB eine hilfreiche Übersicht.



    2. Wie wirkt sich der Fadenlauf auf den Fall aus?


    Wie alles andere auch ist Stoff der Schwerkraft ausgesetzt und sucht sich den Weg des geringsten Widerstandes, daher fällt Stoff (wenn möglich) fadengerade nach unten. Dort wo der Stoff nicht im Fadenlauf zugeschnitten ist, wirft er Falten um gerade fallen zu können.

    Besonders klar wird das am Verhalten eines glockigen Bahnenrock, denn dort kann man sehr schön durch die Wahl des Fadenlaufes bestimmen, wie der Rock fallen soll. Legt man den Fadenlauf in den Bruch so fällt er in der vorderen Mitte gerade und die Seitennähte fallen in Falten (1).

    Liegt der Fadenlauf in der Mitte des Rockteiles so verteilen sich die Falten auf beiden Seiten der Mitte gleichmäßig und ergeben ein weicheres Faltenbild (2).

    Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat

    Das Verlegen des Fadenlaufes in die Seitennaht lässt den Rock insgesamt schmaler fallen. Er wirft dann Falten in der vorderen und hinteren Mitte (3).

    Grundsätzlich sollte man immer beachten, dass aufgrund der Symmetrie im gleichen bzw. gegengleichen Fadenlauf zugeschnitten wird. Es würde schon sehr merkwürdig aussehen, falls sich das linke Rockteil an der Seitennaht in Falten wirft und beim rechten Rockteil in der Mitte.

    Der Fall ist wie bereits erwähnt neben dem Fadenlauf natürlich auch noch von der Gewebe- und Stoffart abhängig. So wird sich ein fester Baumwollstoff weniger in Falten werfen als ein fließender Viskosejersey.



    3. Welche Auswirkungen hat ein falscher Fadenlauf?


    Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat ..oder warum die Seitennaht plötzlich mittig vom Hosenbein liegt.

    Was bei einem Glockenrock einfach nur eine Frage des gewünschten Falles und des eigenen Geschmackes ist, kann aber bei zB einer Bluse merkwürdig aussehen oder bei einem Hosenbein fatale Auswirkungen haben.

    Bei dieser Hose zB wurde das linke Bein im Fadenlauf zugeschnitten, aber beim rechten Bein reichte die Länge nicht mehr, daher wurde es etwas schräg zum Fadenlauf geschnitten. Das macht ja nichts weiter.. oder doch?

    Tatsächlich versucht das rechte Bein sich in den Fadenlauf zu legen - es kann nicht anders, denn der Stoff will gerade fallen. Oben am Bund ist der Stoff durch die Nähte in die Schräglage gezwungen, aber je weiter nach unten und je freier das Bein fällt, desto mehr fallen die Kettfäden in die senkrechte Lage und das gesamte Bein dreht sich. Das sind dann diese Hosen bei denen nach einigen Schritten die Seitennaht plötzlich auf der Mitte liegt.



    4. Kann man einfach quer zum Fadenlauf zuschneiden?


    Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat Stoffe quer zum Fadenlauf zuschneiden - besonders bei Musterstoffen ist das immer wieder ein Thema, weil man zB die Streifen lieber längs als quer hätte. Und weil dann der Faden wieder gerade fallen würde, dürfte das ja kein Problem sein, aber unter Umständen könnte es doch eines werden.

    Wie oben beschrieben sind die Schussfäden nicht so straff wie die Kettfäden, sodass Stoff üblicherweise in der Breite dehnbar(er) ist als in der Länge (das gilt auch für undehnbare Stoffe wie Webware). Durch Drehen des Stoffes ändert sich die Dehnung. Das Kleidungsstück würde sich dann in der Länge dehnen und somit würde sich zB ein Rock vermutlich aushängen und beim Tragen länger werden.

    Wenn man das allerdings bedenkt ist das Drehen im rechten Winkel problemlos möglich. Manchmal ist dieser Effekt auch gewünscht, so wird zB ein Bund oder eine Schulterpasse oftmals im rechten Winkel zugeschnitten, weil man eben genau keine Dehnung in die Breite haben möchte.



    5. Der Schrägschnitt und die französische Designerin


    Die Dehnung in der Diagonalen widerrum kann man auch ausnutzen. In der Diagonalen sind die verwebten Fäden aufgrund der kleinen Zwischenräume in der Webung besonders dehnbar. Schneidet man nun genau im 45°-Winkel zu, so erreicht man auch ein gewisses Gleichgewicht zwischen den Fäden. Der Schrägschnitt erlaubt, dass ein Schnitt zwar eng an der Hüfte aber glockig am Saum sein kann. Diesen Effekt nutzt man insbesondere beim Schrägband, dass zB zur Verarbeitung von Säumen genutzt wird.

    Madeleine Vionnet, eine französische Modeschöpferin, perfektionierte in den 30er Jahren eine ganz eigene Mode, die durch den Schrägschnitt besonders dynamisch, bewegt und körpernah wurde. Sie erfand den Schrägschnitt nicht, aber prägte den Begriff wie keine andere und legte den Grundstein seiner Verwendung in der Haute Couture. Anders als die damaligen Modeschöpfer drappierte sie die Kleider von Beginn an auf Holzpuppen und erreichte durch Ausprobieren von verschiedenen Fadenläufen den perfekten Fall von aufwendigen Kleidern und hochwertigen Stoffen. Obwohl sie besonders breite Stoffbahnen von zwei Metern anfertigen ließ, waren einige Nähte notwendig, die sie ebenfalls dekorativ nutzte.
    Hier findet man sehr viel zum Bestaunen und kriegt einen Eindruck davon, warum manche Kleider der Madeleine Vionnet mit einer Anleitung zum Anziehen versehen waren, damit die Kundin die komplizierten Knoten schafft. Und wer noch mehr wissen will, dem sei dieser fabelhafte Beitrag dazu ans Herz gelegt.



    6. Beispiele zum Fadenlauf


    Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hatBesonders einfach lässt sich der Fadenlauf an Stoffen mit Streifenmuster feststellen, hier rechts zB eine Jacke aus einem längsgestreiften Stoff.

    Die Schulterpassee quer zum Fadenlauf ist sinnvoll, da die Weite hier gehalten werden und nicht ausleiern soll. Dass der Stoff sich in der Länge ausdehnt ist wegen der kurzen Strecke zu vernachlässigen.

    Ärmel und Jackenteil fallen gerade mit Fadenlauf - hinten ist die Jacke leicht ausgestellt (Fadenlauf offensichtlich in der hinteren Mitte, denn sonst würde die Jacke schmaler an der Seite fallen).

    Die diagonal zum Fadenlauf geschnittenen Taschen und Klappen haben hier einen dekorativen Hintergrund und werden von den Nähten drumherum in Form gehalten.

    Und hier noch die Schnittmusterübersicht meines Weihnachtskleides letztes Jahr:

    Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat

    Der Bruch steht dem Fadenlauf gleich (soweit kein Fadenlauf extra eingezeichnet ist) und ist wie so oft zumeist in der vorderen und hinteren Mitte (Teil 52, 54, 56). Jedoch im vorderen Rockteil (Teil 55) sieht man, dass der Fadenlauf mit der Seitennaht läuft - der Rock fällt also sehr schmal. Beim Oberteil vorn (Teil 51) wird das Hauptaugenmerk auf die Schulterpartie gesetzt - es liegt im Fadenlauf, während die gerafften Partien sowieso gekräuselt in Falten liegen und es daher dort nicht so sehr darauf ankommt wo der Fadenlauf ist.

    Der Fadenlauf verrät uns also schon vor dem Zuschnitt viel über das fertige Kleid und lässt Gestaltungsspielraum, zB könnte ich im hinteren Rockteil den Fadenlauf auch in die Seite verlegen und hätte dadurch eine noch schmalere Silhouette.


    Schlusswort..


    Damit sind wir schon am Ende angekommen. Ich hoffe der Sinn und Zweck vom Fadenlauf im Zusammenhang mit dem Fall von Kleidung ist verständlich geworden und vielleicht hat sich dadurch ja auch die ein oder andere Frage geklärt. Falls Ihr Anmerkungen oder Fragen habt, dann schreibt mir gern einen Kommentar.