Mittwoch, 6. Mai 2020

Fertig: Leinenbolero von 1957!


Schon im letzten Jahr hatte ich einen Leinenrock genäht - mein erstes Leinenstück. Bis dahin hat mich Leinen nie sonderlich überzeugt, besonders das edle Knittern ist doch ausgemachter Blödsinn. Meine Schränke sind auch nicht elegant bestaubt, sondern da liegt halt Staub und Leinen knittert eben. Man muss die Dinge auch mal beim Namen nennen.


Und trotz dem Knittern habe ich den Rock oft und gern getragen und kann mir vorstellen weitere Teile aus Leinen zu nähen. Neulich fiel mir dann das mittelgroße Reststück vom Rockleinen in die Hände und ich fand es schad drum. Ich wollte gern noch etwas Passendes zum Rock nähen und da erinnerte ich mich an einen Bolero, den ich erst neulich mal wieder beim Durchklicken durch meine Sammlung (ich habe alle Schnitte in meiner Größe plusminus abfotografiert, damit ich die empfindlichen, alten Hefte nicht ständig aufschlagen muss) gesehen hatte - das müsste sich doch ausgehen..


..tat es auch. Naja, fast zumindest, denn die Arme sind etwas kürzer als im Original, was aber überhaupt nicht aufällt. Zudem ist hier und da eine Nahtzugabe etwas kürzer ausgefallen als üblich.

Leinenbolero von 1957 || beswingtesallerlei.de

Der Bolero ist aus Schwabe - der neue Schnitt von 10/1957 und mir mit einem Oberweitenmaß von 120cm eigentlich zu groß - entspricht aber meinem tatsächlichen Brustumfang. Da der Bolero offen getragen wird und überschnittene Ärmel hat, habe ich es aber trotzdem gewagt und ein Probeteil gemacht. Erwartungsgemäß fehlte einiges an Länge über die große Brust - übrigens der Grund, warum es eigentlich nie genügt für eine große Brust nur eine größere Größe zu wählen, denn trotz Mehrweite fehlt weiterhin Länge.

Ich habe also oberhalb des Abnähers waagerecht bis zur Seitennaht eingeschnitten und das Vorderteil von der Seite aus kommend um 4cm verlängert. Ab Brustpunkt habe ich den Abnäher verbreitert, sodass der Keil dann waagerecht weiterläuft (siehe auch die Erläuterung hier).


Der Bolero hat zudem eine leichte Spitztüte. Denn der Abnäher ist eher breit, sodass die Abnäherspitze nicht langsam auslaufen kann und eine Spitztüte bildet. In den 50er Jahren war dieser Effekt oft erwünscht und wurde auch durch entsprechende Wäsche unter- und gestützt. Dieser Effekt wird durch den nun noch breiteren Abnäher noch etwas verstärkt.

Da der Leinen erfahrungsgemäß aber mit der Zeit weicher wird und die Spitztüte auch vor der Verlängerung schon angedeutet war, habe ich mich entschieden, das so zu übernehmen und nicht den Abnäher noch aufzuteilen oder Ähnliches.


Ansonsten hat der Bolero einen angeschnittenen Kragen mit leicht verstärktem Beleg. Am Ärmelsaum und der hinteren Schulter sind formgebende Abnäher vorgesehen. Auch vorn unter dem Kragen befindet sich im Oberstoff ein kleiner Abnäher, damit sich der Kragen dort gefällig umlegt. In die Schulternähte habe ich Webband eingenäht, um Ausleiern des doch etwas gröberen Leinen zu vermeiden.


Die notwendige Bewegungsfreiheit gewährleistet ein Zwickel unter dem Arm - hier mal farblos, damit man die Konturen besser sieht. Wer Näheres zum Zwickel sucht, wird hier fündig.


Trotz Zwickel bilden sich bei angeschnittenen Ärmeln naturgemäß immer ein paar Falten und die Schulter wirkt insgesamt runder. Beides schmeichelt meiner Meinung nach der Trägerin nicht besonders, aber ab und an mag ich es doch leiden. Der Bolero soll außerdem morgens oder abends vor der Kühle schützen. Da kommt es auf Schmeichelei nicht so sehr an.


Der Leinenrock ist ein einfacher Bahnenrock nach einem Schnitt von 1956 und die hübschen Taschen, die aus einem auf der Spitze stehenden Quadrat bestehen, habe ich einer Anleitung von 1937 entliehen. Ich hatte auch kurz überlegt, ob ich dem Bolero ebenfalls diese Taschen verpasse, aber irgendwie fände ich ihn dann überladen.


Die Bluse ist eine Rita Blouse von Charm Patterns - eigentlich ein Probeteil passt sie farblich perfekt zum Leinenensemble. Rock und Bolero brauchen unbedingt ein körpernahes Oberteil, denn sonst geht die Taille verloren und dann kann man mich von einer Litfaßsäule kaum noch unterscheiden, und kräftige Farben, damit es dem Ensemble eine gewisse Tiefe verleiht - ich hatte auch eine helle Bluse an, aber das sah merkwürdig aus.


Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit meinem Bolero: der Schnitt passt gut, der Leinen hatte sich ohnehin schon bewährt und ich bin ganz selig, noch etwas so Schönes aus dem Reststoff gemacht zu haben - zusammen mit dem Rock ist es ein wunderbares Ensemble. Vor allem mag ich den Kragen und ich finde, dass die Kombination aus Rock und passendem Bolero angenehm angezogen wirkt.

Es reizt mich noch einen Bolero mit der korrekten Ärmellänge und einem Beleg aus anderem Stoff zu nähen. Vielleicht sollte ich auch meine Restekiste nochmal durchschauen, was es da sonst noch so gibt.
[verlinkt beim MeMadeMittwoch]


Kommentare:

  1. Wundervoll! Der SToff, die Farbe, die angepasste Form, das gesamte Ensemble - ganz toll. Steht Dir sehr gut und ruft so richtig nach Frühling! LG Kuestensocke

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  2. Ein super Outfit :) Der Bolero ist toll geworden.
    Viele Grüße, Katharina

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  3. Haha, edles Knittern und elegant bestaubt, sehr lustig hast du das zusammengefasst. Immerhin, man sieht Leinen an, dass es Leinen ist, und dann muss keiner denken, man hat das Bügeln vergessen.
    Ein sehr gelungenes Ensemble hast du da genäht! Es ist immer interessant bei dir zu lesen, da spricht so viel Wissen und Erfahrung mit.
    Liebe Grüße Christiane

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  4. Du bist glücklich, das Ensemble steht dir und die leuchtende Farbe macht gute Laune, da spielen etwaige Knitterfalten eh keine Rolle.
    LG von Susanne

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  5. Das Ensemble aus Rock und Bolero sieht an Dir sehr elegant aus und die Bluse bildet den richtigen Akzent. Leinen wird immer schöner und bekommt einen edlen Glanz, umso öfter es gewaschen und gebügelt wird.
    LG Gabi

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  6. Eine ganz tolle Kombi! Sowohl Schnitt, als auch die knallige Farbe, ich mag es sehr und bin immer wieder begeistert, wenn es jemand schafft, Schnitte so gut anzupassen, toll!

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  7. Wie lustig. "Elegant bestäubt", den muss ich mir merken...
    Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele verschiedene Abnäher Kleidungsstücke früher hatten. Spannend zu lesen. Und ein ausgesprochen hübsches Ensemble, dass Riviera-Sehnsüchte weckt. Liebe Grüße Manuela

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  8. Echt gut, sogar mit Zwickel, wie es sich gehört. Daß Leinen so knittert, stört mich ehrlich gesagt, deshalb vernähe ich so selten Leinen. Den Bolero kannst Du sicher auch gut über Sommerkleidern tragen! Mir gefällts.
    Liebe Grüße
    Susan

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  9. Eine schöne Kombi! Ich mag türkis mit dunkelblau sehr gerne!
    LG Monika

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  10. Wunnebar! Welch ein schönes Gefühl "angezogen" zu sein! Heute war so ein Tag an dem der Mantel zuviel, die Jacke zur kurz fürs Oberteil und das Tuch irgendwie eine stillose Hilfslösung war. Da hilft es enorm so ein passendes Teil im Schrank zu haben. Wie immer sehr gut gelungen und liess das Publikum staunend, erleuchtet und begeistert zurück! Bitte mehr davon
    LG
    mhs
    PS anonym, da blog und websitelos
    PS

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    1. Herzlichen Dank für den netten Kommentar :)

      Liebe Grüße, Anne

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  11. Hey Anne, das ist ja wieder ein tolles Outfit: Stimmig bis zu den Ohrringen... Deine Frisuren finde ich übrigens auch immer genial!!! Mit dem Bolero wirst du sicher viel Freude haben nicht nur weil du das Reststück von dem Stoff so gut verwertet hast! LG Sarah

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  12. "Der Kasten ist einfach staubig", hihi... Ich mag Deinen Humor so gern. Und das Ensemble toll. Ich habe einen Burda-Schnitt für Jersey, der schon ewig auf meiner Festplatte rumlungert und so ein Jäckchen für die kühlen Morgen- und Abendstunden werden sollte. Allerdings nicht so stilecht wie bei dir... Es ist einfach immer schön, bei Dir zu lesen. Liebe Grüße, Gabi

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