Samstag, 27. Januar 2018

Zwickel

Will man Kleider aus den 50er Jahren nähen und dazu originale Schnittmuster verwenden, wird man früher oder später auf den Unterarmzwickel stoßen und genau darum soll es in diesem Beitrag gehen:


  1. Was ist ein Zwickel?
  2. Wozu brauche ich einen Zwickel?
  3. Die gängigsten Zwickelarten
  4. Wie nähe ich einen Zwickel ein?


1. Was ist ein Zwickel?


Ein Zwickel ist ein keilförmiges Stoffstück, das in ein Kleidungsstück eingesetzt wird, um an einer bestimmten Stelle mehr Weite oder Stabilität zu geben, aber auch aus hygienischen oder anderen Gründen. Heute kennt man Zwickel vor allem von Strumpfhosen und Unterwäsche. In den 50er Jahren aber als angeschnittene Ärmel, feste Stoffe und schmale Taillen aufeinandertrafen, waren Zwickel im Bereich des Unterarms unerlässlich für einen guten Sitz und ausreichend Weite der hübschen Kleider.


Heute sind Kleider oder Blusen mit angeschnittenen Ärmeln so weit oder aus so dehnbaren Stoffen, dass man auf den Zwickel verzichtet. Dennoch möchte ich euch Zwickel empfehlen, denn sie erlauben andere Stoffe zu verwenden und Webware fällt einfach blusiger und weicher als gewirkte Ware.

Ihr habt noch nie einen Unterarmzwickel gesehen? Das liegt daran, dass die Lage des Zwickels, nämlich direkt unter dem Arm in der Achsel, ihn fast unsichtbar macht. Nur selten und wenn man ganz genau hinschaut, kann man Zwickel auf den alten Bildern sehen.


Zwickel oder Keile (oder auch Fische genannt) gibt es natürlich auch noch in anderen Varianten. So gibt es auch eingesetzte oder angeschnittenen Zwickel an einzusetzenden Ärmeln (z. B. bei stark strapazierter Arbeitsbekleidung oder bei sehr schräg gestellten Ärmeln), diese sollen hier aber nicht Thema sein.



2. Wozu brauche ich einen Zwickel?


Der größte Nutzen vom Unterarmzwickel liegt im Bewegungsradius. Das möchte ich hier einmal veranschaulichen.

Links sieht man wie der angeschnittene Ärmel eigentlich liegt - es wäre schwer bis unmöglich damit den Arm zu heben. Der Stoff in der Achsel würde sich der Bewegung nach oben sperren.
Der eingenähte Zwickel verursacht kaum Falten und fällt daher kaum auf .

Rechts ist der Bewegungsradius mit ausgestelltem Zwickel viel größer. So kann man auch mal ein Buch vom oberen Regal nehmen, ohne dass sich das gesamte Kleid mithebt. Der Stoff an der Schulternaht faltet sich einfach und liegt wieder glatt sobald die Arme wieder gesenkt werden.


Aber auch die Bequemlichkeit und Form ist nicht zu unterschätzen. Ein Blick ins (theoretische) Armloch zeigt wieso:

Links ein Armloch für einen einzusetzenden Ärmel, daneben ein angeschnittener Ärmel und rechts ein angeschnittener Ärmel mit Zwickel.

Ein angeschnittener Ärmel ist eben grundsätzlich nichts anderes als zwei Lagen gegeneinander genäht. Und gerade diese zwei Lagen müssen dann aber auch vorab noch die Rundungen des Oberkörpers mitmachen.

Der Zwickel macht das Armloch dreidimensional, also plastischer, und ermöglicht einen besseren Sitz für unseren Arm - ähnlich wie beim zweiteiligen Ärmel bei dem das Zusammenspiel aus Ober- und Unterärmel eine lebendigere Form gibt. Dies wird umso wichtiger, wenn man eine große Brust hat und dadurch die zwei Stofflagen aus Vorder- und Rückenteil eh schon mehr Rundungen mitgehen müssen.

Könnte man diesen Effekt auch erreichen ohne Zwickel? Nein, zumindest nicht so. Will man auf einen Zwickel verzichten, dann müsste man so viel Weite zugeben, dass der Arm sich frei bewegen kann. Dies würden dann nur Kimono- oder Fledermausärmel schaffen, die aber widerum viel mehr Falten unter der Achsel erzeugen.




3. Die gängigsten Zwickelarten


Unterarmzwickel sind zumeist rautenförmig - je nach Konstruktion gleichmäßig oder ungleichmäßig, manchmal auch abgerundet. Dabei liegen zwei gegenüberliegenden Ecken in der Seitennaht und die anderen beiden Ecken laufen in das Oberteil hinein.


(1) Der zweiteilige Zwickel ist am leichtesten zu nähen - er wird in das einzelne Vorder- oder Rückenteil eingenäht und erst danach werden die Seitennähte geschlossen.

(2) Der einteilige Zwickel wird erst nach dem Schließen der Seitennähte eingenäht. Wird er im schrägen Fadenlauf geschnitten, dann erhält er noch ein wenig mehr Dehnbarkeit.

(3) Dieser Zwickel gibt nicht nur direkt unter dem Arm Weite, sondern fungiert wie ein kleiner Unterärmel. Die Rautenform wird dazu zu einem Fünfeck erweitert. Diese Form bietet sich vor allem bei Kleidern mit kurzen überschnittenen Ärmeln an.

Zum besseren Verständnis der Sitz im Kleidungsstück:


Und dann noch ein paar Beispiele für jede Zwickelart aus den alten Heften:

(1) Zunächst das Modell aus der Burda 09/1953: Der Zwickel (Teil 59) besteht aus zwei gleichschenkligen Dreiecken, die für Vorder- und Rückseite des Oberteils identisch sind. Der Zwickel wird hier jeweils in einen Schlitz (Passzeichen 4) eingesetzt. Dabei ist nur sehr wenig Nahtzugabe vorhanden, sodass es sich empfiehlt den Stoff zusätzlich durch Stütznaht und Vlieseline zu schützen.


Fertig genäht sieht das dann so aus:


(2) & (3) Ein Modell mit zwei Zwickelarten aus Schwabe Der neue Schnitt von 07/1957: Dieses Modell bietet gleich zwei Zwickelarten, denn es kommt mit langen und kurzen Ärmeln daher und bietet sich daher gut für den Vergleich an. Der Zwickel für die kurzen Ärmel (Teil 63) dient als kleiner Unterärmel, während der Zwickel für den langen Ärmel (Teil 59) nur unter der Achsel eingesetzt wird. Da aber beide Zwickel das selbe bezwickeln.. äh.. bezwecken, unterscheiden sie sich grundsätzlich kaum. So sind die Ecken 15, 13, 14 und 6, 3, 5 zueinander identisch. Lediglich 11 und 7, 8 unterscheiden sich. Daher sind auch in den Teilen des jeweiligen Oberteils nur geringfügige Unterschiede auszumachen.

Hier wird der Zwickel nicht in einen Schlitz, sondern einen kleinen Keil im Oberteil eingesetzt - es ist folglich mehr Nahtzugabe vorhanden, daher reicht es dann oft aus nur die Spitze im Oberteil extra zu sichern.


(3) Und zum Schluss noch ein Modell aus dem Schwabe Der neue Schnitt von 07/1957: Dieses Modell kommt schon sehr dicht an den Unterärmel ran, denn obwohl die Ärmel etwas länger sind, wird der Zwickel bis zum Ärmelsaum fortgeführt.




4. Wie nähe ich einen Zwickel ein?


Das Einnähen eines Zwickels ist weniger kompliziert als vielmehr sehr fummelig. Dadurch, dass der Zwickel in ein bestehendes Stück eingesetzt wird, hat man im Stück selbst meistens nur sehr wenig Nahtzugabe zur Verfügung. Man muss daher sehr sorgfältig beim Nähen sein und auch beim Versäubern, damit der Zwickel an den Kanten nicht ausplatzt.

Um den Stoff des Oberteils zu sichern und beim Einschnitt genau arbeiten zu können, empfiehlt es sich eine Stütznaht zu machen. Es wird also genau auf der späteren Naht (oder ganz leicht Richtung Einschnitt versetzt) eine gerade Naht von aussen nach innen und zurück genäht. Wenn euer Stoff zum Ausfransen neigt, ihr nur sehr wenig Nahtzugabe zur Verfügung habt oder sehr viel Zug auf den Zwickel kommt, dann könnte ihr euch auf verschiedene Arten behelfen. Entweder den Einschnitt vorab durch bügelbare Vlieseline verstärken und sichern oder rechts auf rechts ein Stoffstück gegennähen und nach links wenden. Dadurch wird alles zwar etwas dicker, aber die Schnittkante ist geschützter.

Bei meiner Bluse z. B. habe ich rechts auf rechts bügelbare Vlieseline angenäht, geschnitten und nach dem Wenden fesgebügelt - mein Stoff franst sehr stark und hält kaum Zug aus, daher war viel Schutz notwendig.

Dann gibt es zwei Art den Zwickel einzunähen, nämlich entweder rechts auf rechts, also ohne sichtbare Naht, oder rechts auf links, also den Zwickel quasi hinter das bestehende 'Loch' in der Naht setzen.

Rechts auf rechts sieht man oben auf dem Bild auch (einschließlich der Naht). Daher beginnen wir damit:

Der Zwickel wird rechts auf rechts mit dem Oberteil angesteppt. Dazu muss der Einschnitt im Oberteil sehr weit auseinander gezogen werden um die Form des Zwickel mitzugehen.

Hier sieht man wie sehr der Stoff vom Oberteil (vorn) sich an den glattliegendenen Zwickel (hinten) anpassen muss. Es gilt da einiges an Stofffalten zu bändigen. In schwarz sieht man die abzusteppende Naht, die Zwickel und Oberteil zusammenfügt; die weiße Naht ist die Stütznaht.

An der Spitze des Zwickels wird die Nadel im Stoff gedreht. Im besten Falle werden hier nur ein paar Fäden vom Oberteil erfasst, sodass die Ecke dann faltenlos im Oberteil liegt.

Abgesehen davon, dass der einteilige Zwickel vor und der zweiteilige Zwickel nach dem Schließen der Seiten- und Ärmelnaht eingesetzt wird, gibt es kaum einen Unterschied.

Stets wird von außen, also der Nahtkante, nach innen, also in das Oberteil, genäht. Beim einteiligen Zwickel beginnt man an einer Seite auf der Naht und arbeitet sich rundherum.


Falls es notwendig ist kann man auch anschließend noch schmal neben der Naht eine weitere Steppnaht setzen um den Stoff besser zu sichern.
(Und falls ihr das mal Schritt für Schritt am echten Modell anschauen möchtet, dann schaut doch bei dem Zwickeltutorial von Sabine Michaela von PeterSilie & Co. vorbei.)

Rechts auf links, also den Zwickel hinter das offene 'Loch' zu nähen, bietet sich vor allem bei steifen oder dicken Stoffen an, wenn sich die Nahtzugaben gegeneinander genäht nicht schön legen lassen würden.

Dazu werden im Oberteil die Nahtzugaben umgelegt und ordentlich geplättet oder zB durch wenige Handstiche fixiert. Anschließlich wird der schon versäuberte Zwickel untergelegt und alles mit Stecknadeln befestigt. Anschließend absteppen und fertig. Auf der rechten Stoffseite sieht man dann die Naht, aber auf der linken Stoffseite, ist die Nahtzugabe des Schnittes gut geschützt und der Zwickel liegt schön glatt.


Egal für welche Varianten ihr euch entscheidet, denkt daran die Nahtkanten zu sichern, damit der Zwickel nicht ausplatzt und ihr lange Freude daran habt.

Schlusswort


Und damit bin ich am Ende angelangt - ich hoffe, dass der Beitrag euch gefallen hat und hier und da ein wenig helfen wird, obwohl ich glaube, dass die wenigstens in ihrem Nähleben schon einen Unterarmzwickel eingenäht haben oder einnähen werden. Oder hattet ihr schonmal das Vergnügen? Wie immer gilt: wenn ihr Fragen oder Ergänzungen habt, dann schreibt das gern in die Kommentare.

Kommentare:

  1. Hochinteressante Ausführung, so chad, dass dieses kleine, clevere Teilchen so in Vergessenheit geraten ist. Vielen Dank für den Beitrag und fürs Markieren.
    Lg,
    Molli

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  2. Herzlichen Dank. Ganz großartig. Schönen Sonntag. Gruß Mema

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  3. Da hab ich letztens also eine gängige Variante genutzt und wusste es nicht mal.
    Sehr genial. Ich hab es genutzt, um meiner Jacke mehr Spielraum für meine Brust zu geben. ����
    Sehr toll machst du deine Sachen immer.
    Liebe Grüße
    Sandy

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  4. Super! Auf deinen Beitrag greife ich demnächst gerne zurück, wenn ich die ausgerissenen Unteramzwickel an einem vintage Kleid reparieren/ ersetzen muss.

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  5. Dankeschön für den hilfreichen Beitrag. Ich hatte das Einnähen eines Ärmelzwickels im Handarbeitsunterricht in der Schule anlässlich des Nähens einer "einfachen" Bluse nacharbeiten müssen und war damals am Verzweifeln, weil es sich um einen super billigen stark fransenden Baumwollstoff handelte. Vor lauter Tennen und Fummelei blieb vom Stoffzwickel kaum noch etwas übrig.

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  6. So wie man den Zwickel an einen Streifen am Unterärmel setzen kann, kann man ihn auch an einen Streifen an der Seitennaht setzen. Der Zwickel kann auch an einen einzusetzenden Ärmel angeschnitten sein. Diese beiden weiteren Variaten sind im Müller&Sohn-Konstruktionsbuch beschrieben. Sicher werde ich irgendwann auch so etwas mal ausprobieren. Regina

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    1. Ah, vielen Dank für den Hinweis, ich war mir nicht ganz sicher und hatte es deshalb weggelassen. Aber eigentlich ist es ja nur logisch :)

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  7. Hallo Anne,
    ich möchte demnächst aus einem Oberteil mit angeschnittenem langen Ärmel mit Zwickel ein Oberteil mit quasi "überschnittener" Schulter nähen. Ich überlege die ganze Zeit, ob ich dann trotzdem einen Zwickel einarbeiten muss, oder ob durch das Fehlen des langen Ärmels schon genug Bewegungsfreiheit entsteht? Ich hoffe, Du kannst meinen Überlegungen folgen ;)
    LG Barbara

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    1. Hallo Barbara :)

      Ich würde trotzdem einen Zwickel einbauen. Auch solche Kleider hatten damals meistens Zwickel und auch wenn es vielleicht nicht sein muss, so ist es auf jeden Fall bequemer und liegt besser an.

      Liebe Grüße, Anne

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  8. Hallo,
    tolle Anleitung! Dafür schonmal herzlichen Dank.
    Ich habe mir wider besseren Wissens eine lässige Kuscheljacke aus dem asiatischen Markt gekauft. Und natürlich sind die Ärmel an den Oberarmen viel zu eng. Ich dachte mir also, ich nähe mir ganz einfach einen Keil aus dem gleichen Material in den Ärmel. Dank deiner Seite ist mir nun klar, dass meine Grundidee zwar nicht schlecht, ich aber den von dir beschriebenen Fledermausärmel mit vorderen Falten hätte.
    Nun bin ich von dem zweiteiligen Zwickel überzeugt und habe noch eine Verständnisfrage: ich trenne den Ärmel unter der Achsel auf und ebenso die Seitennaht, dann nähe ich sowas wie einen kleinen Keil zwischen die Seitennähte und das gleiche dann in den Ärmelteil, und nähe dann einfach alles wieder zusammen?
    Ich danke für Info mit sonnigen Grüßen, Sybille

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    1. Hallo Sybille :)

      Ich bin nicht ganz sicher, ob ich die Frage richtig verstanden habe - also Deine Jacke passt, aber ist an den Ärmeln zu eng? Braucht also nur Weite, ja?

      Wenn es nur Weite braucht und die Jacke eh weit/kastig geschnitten ist, dann würde ich die Ärmel- und Seitennaht öffnen und dort einen Streifen einsetzen. Wenn die Jacke am Körper enger sitzt, dann dort einen Keil statt eines Streifens einsetzen. :)

      Falls ich die Frage missverstanden habe, sag' gern Bescheid!

      Viele Grüße, Anne

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