Montag, 3. April 2017

Von Fall zu Fall (oder wie der Fadenlauf unsere Kleidung beeinflusst)

Der Fall von Kleidung bestimmt Bequemlichkeit, Aussehen und Verhalten von Kleidungsstücken ganz enorm. Neben dem Gewicht, der Gewebe- und Stoffart hat auch der Fadenlauf großen Einfluss auf den Fall von Kleidung und das soll hier kurz thematisiert werden.

  1. Was ist der Fadenlauf?
  2. Wie wirkt sich der Fadenlauf auf den Fall aus?
  3. Welche Auswirkungen hat ein falscher Fadenlauf?
  4. Kann man einfach quer zum Fadenlauf zuschneiden?
  5. Der Schrägschnitt und die französische Designerin
  6. Beispiele zum Fadenlauf
Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat



1. Was ist der Fadenlauf?


Für einen guten Fall von Kleidung müssen wir auf die Balance der Kleidungsstücke und auf den Fadenlauf achten. Wer mit dem Nähen beginnt wird feststellen, dass der Fadenlauf meistens der vorderen und hinteren Mitte entspricht (wenn man mal Kleidungsstücken absieht die aus gestalterischen Gründe im diagonalen Fadenlauf geschnitten werden). Das ist wichtig, damit Kleidungsstücke gerade am Körper herunterfallen und sich nicht verziehen oder verdrehen.

Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat
Der Fadenlauf liegt stets parallel zur Webkante/Längskante (1).

Diagonal zum Fadenlauf (2), im sog. Schrägschnitt, lässt sich der Stoff am meisten dehnen.

Im rechten Winkel, also quer zum Fadenlauf befindet sich die Stoffbreite (3).

Der Kettfaden ist gleichbedeutend mit dem Fadenlauf. Er läuft parallel zur Längs-/Webkante und wird sehr straff im Webstuhl eingespannt. Wegen dieser Spannung sind die meisten Stoffe nicht in der Länge dehnbar. Der Schussfaden hingegen läuft rechtwinklig zur Webkante. Er wird durch die Kettfäden geschossen und trotz einer gewissen Spannung sind die Fäden nicht ganz gestrafft, sodass meist noch eine gewisse Nachdehnung erreicht werden kann (außer bei Plastikfäden). Die Art wie Kett- und Schussfaden miteinander verkreuzt werden nennt man Bindung. Die drei gängigsten Bindungen sind die Leinenbindung, Köperbindung und Atlasbindung.

Sich an der Webkante zu orientieren ist die einfachste Variante den Fadenlauf zu finden - wie ihr den Fadenlauf zB bei Maschenware oder bei Reststücken oder Ähnliches findet, ist nicht Teil dieses Beitrages, aber hier findet ihr zB eine hilfreiche Übersicht.



2. Wie wirkt sich der Fadenlauf auf den Fall aus?


Wie alles andere auch ist Stoff der Schwerkraft ausgesetzt und sucht sich den Weg des geringsten Widerstandes, daher fällt Stoff (wenn möglich) fadengerade nach unten. Dort wo der Stoff nicht im Fadenlauf zugeschnitten ist, wirft er Falten um gerade fallen zu können.

Besonders klar wird das am Verhalten eines glockigen Bahnenrock, denn dort kann man sehr schön durch die Wahl des Fadenlaufes bestimmen, wie der Rock fallen soll. Legt man den Fadenlauf in den Bruch so fällt er in der vorderen Mitte gerade und die Seitennähte fallen in Falten (1).

Liegt der Fadenlauf in der Mitte des Rockteiles so verteilen sich die Falten auf beiden Seiten der Mitte gleichmäßig und ergeben ein weicheres Faltenbild (2).

Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat

Das Verlegen des Fadenlaufes in die Seitennaht lässt den Rock insgesamt schmaler fallen. Er wirft dann Falten in der vorderen und hinteren Mitte (3).

Grundsätzlich sollte man immer beachten, dass aufgrund der Symmetrie im gleichen bzw. gegengleichen Fadenlauf zugeschnitten wird. Es würde schon sehr merkwürdig aussehen, falls sich das linke Rockteil an der Seitennaht in Falten wirft und beim rechten Rockteil in der Mitte.

Der Fall ist wie bereits erwähnt neben dem Fadenlauf natürlich auch noch von der Gewebe- und Stoffart abhängig. So wird sich ein fester Baumwollstoff weniger in Falten werfen als ein fließender Viskosejersey.



3. Welche Auswirkungen hat ein falscher Fadenlauf?


Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat ..oder warum die Seitennaht plötzlich mittig vom Hosenbein liegt.

Was bei einem Glockenrock einfach nur eine Frage des gewünschten Falles und des eigenen Geschmackes ist, kann aber bei zB einer Bluse merkwürdig aussehen oder bei einem Hosenbein fatale Auswirkungen haben.

Bei dieser Hose zB wurde das linke Bein im Fadenlauf zugeschnitten, aber beim rechten Bein reichte die Länge nicht mehr, daher wurde es etwas schräg zum Fadenlauf geschnitten. Das macht ja nichts weiter.. oder doch?

Tatsächlich versucht das rechte Bein sich in den Fadenlauf zu legen - es kann nicht anders, denn der Stoff will gerade fallen. Oben am Bund ist der Stoff durch die Nähte in die Schräglage gezwungen, aber je weiter nach unten und je freier das Bein fällt, desto mehr fallen die Kettfäden in die senkrechte Lage und das gesamte Bein dreht sich. Das sind dann diese Hosen bei denen nach einigen Schritten die Seitennaht plötzlich auf der Mitte liegt.



4. Kann man einfach quer zum Fadenlauf zuschneiden?


Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat Stoffe quer zum Fadenlauf zuschneiden - besonders bei Musterstoffen ist das immer wieder ein Thema, weil man zB die Streifen lieber längs als quer hätte. Und weil dann der Faden wieder gerade fallen würde, dürfte das ja kein Problem sein, aber unter Umständen könnte es doch eines werden.

Wie oben beschrieben sind die Schussfäden nicht so straff wie die Kettfäden, sodass Stoff üblicherweise in der Breite dehnbar(er) ist als in der Länge (das gilt auch für undehnbare Stoffe wie Webware). Durch Drehen des Stoffes ändert sich die Dehnung. Das Kleidungsstück würde sich dann in der Länge dehnen und somit würde sich zB ein Rock vermutlich aushängen und beim Tragen länger werden.

Wenn man das allerdings bedenkt ist das Drehen im rechten Winkel problemlos möglich. Manchmal ist dieser Effekt auch gewünscht, so wird zB ein Bund oder eine Schulterpasse oftmals im rechten Winkel zugeschnitten, weil man eben genau keine Dehnung in die Breite haben möchte.



5. Der Schrägschnitt und die französische Designerin


Die Dehnung in der Diagonalen widerrum kann man auch ausnutzen. In der Diagonalen sind die verwebten Fäden aufgrund der kleinen Zwischenräume in der Webung besonders dehnbar. Schneidet man nun genau im 45°-Winkel zu, so erreicht man auch ein gewisses Gleichgewicht zwischen den Fäden. Der Schrägschnitt erlaubt, dass ein Schnitt zwar eng an der Hüfte aber glockig am Saum sein kann. Diesen Effekt nutzt man insbesondere beim Schrägband, dass zB zur Verarbeitung von Säumen genutzt wird.

Madeleine Vionnet, eine französische Modeschöpferin, perfektionierte in den 30er Jahren eine ganz eigene Mode, die durch den Schrägschnitt besonders dynamisch, bewegt und körpernah wurde. Sie erfand den Schrägschnitt nicht, aber prägte den Begriff wie keine andere und legte den Grundstein seiner Verwendung in der Haute Couture. Anders als die damaligen Modeschöpfer drappierte sie die Kleider von Beginn an auf Holzpuppen und erreichte durch Ausprobieren von verschiedenen Fadenläufen den perfekten Fall von aufwendigen Kleidern und hochwertigen Stoffen. Obwohl sie besonders breite Stoffbahnen von zwei Metern anfertigen ließ, waren einige Nähte notwendig, die sie ebenfalls dekorativ nutzte.
Hier findet man sehr viel zum Bestaunen und kriegt einen Eindruck davon, warum manche Kleider der Madeleine Vionnet mit einer Anleitung zum Anziehen versehen waren, damit die Kundin die komplizierten Knoten schafft. Und wer noch mehr wissen will, dem sei dieser fabelhafte Beitrag dazu ans Herz gelegt.



6. Beispiele zum Fadenlauf


Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hatBesonders einfach lässt sich der Fadenlauf an Stoffen mit Streifenmuster feststellen, hier rechts zB eine Jacke aus einem längsgestreiften Stoff.

Die Schulterpassee quer zum Fadenlauf ist sinnvoll, da die Weite hier gehalten werden und nicht ausleiern soll. Dass der Stoff sich in der Länge ausdehnt ist wegen der kurzen Strecke zu vernachlässigen.

Ärmel und Jackenteil fallen gerade mit Fadenlauf - hinten ist die Jacke leicht ausgestellt (Fadenlauf offensichtlich in der hinteren Mitte, denn sonst würde die Jacke schmaler an der Seite fallen).

Die diagonal zum Fadenlauf geschnittenen Taschen und Klappen haben hier einen dekorativen Hintergrund und werden von den Nähten drumherum in Form gehalten.

Und hier noch die Schnittmusterübersicht meines Weihnachtskleides letztes Jahr:

Der Fadenlauf und was er mit dem Fall von Kleidung zutun hat

Der Bruch steht dem Fadenlauf gleich (soweit kein Fadenlauf extra eingezeichnet ist) und ist wie so oft zumeist in der vorderen und hinteren Mitte (Teil 52, 54, 56). Jedoch im vorderen Rockteil (Teil 55) sieht man, dass der Fadenlauf mit der Seitennaht läuft - der Rock fällt also sehr schmal. Beim Oberteil vorn (Teil 51) wird das Hauptaugenmerk auf die Schulterpartie gesetzt - es liegt im Fadenlauf, während die gerafften Partien sowieso gekräuselt in Falten liegen und es daher dort nicht so sehr darauf ankommt wo der Fadenlauf ist.

Der Fadenlauf verrät uns also schon vor dem Zuschnitt viel über das fertige Kleid und lässt Gestaltungsspielraum, zB könnte ich im hinteren Rockteil den Fadenlauf auch in die Seite verlegen und hätte dadurch eine noch schmalere Silhouette.


Schlusswort..


Damit sind wir schon am Ende angekommen. Ich hoffe der Sinn und Zweck vom Fadenlauf im Zusammenhang mit dem Fall von Kleidung ist verständlich geworden und vielleicht hat sich dadurch ja auch die ein oder andere Frage geklärt. Falls Ihr Anmerkungen oder Fragen habt, dann schreibt mir gern einen Kommentar.

Kommentare:

  1. danke, wieder einmal ein unglaublich informativer Beitrag. Die meisten von uns Hobbynäherinnen wissen wohl, dass es wichtig ist, den Fadenlauf zu beachten, aber was das wirklich heißt und vor allem, wie man damit auch spielen könnte, ist vermutlich den wenigstens bewusst.
    Einmal mehr wünsche ich mir endlich eine Schneiderpuppe, daran könnte man das wunderbar mal ausprobieren.

    liebe Grüße
    Nadi

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  2. Toller Beitrag, vielen Dank dafür. Das mit dem falschen Fadenlauf an einer Jeans durfte ich auch schon spüren, allerdings an einer gekauften teuren von Gang. Ärgerlich, zumal diese Hosen nicht nur 19,95 Eur kosten und man hier eigentlich erwarten dürfte, dass es passt. Ständig dreht sich eine Mittelnaht vor ans Bein und immer zuppelt man. Vielleicht sollte ich deinen Beitrag mal dort zur Firma schicken :) da könnten die noch was lernen.

    LG Katrin

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  3. Der Beitrag ist toll, da hast du dir viel Arbeit gemacht, ich bin immer unsicher weil ich soviel wie möglich aus den Stoff machen will.
    lg carlinda

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  4. Das Beipiel mit dem Rock und wie der Fadenlauf den Fall beeinflusst bzw wie sehr man beim Faltenfall Einfluß nehmen kann auf die optische Dynamik finde ich unglaublich aussagekräftig! Danke!

    LG Wiebke stitch-nähkultur

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  5. Und wieder etwas dazu gelernt. Super toll erklärt. Danke! <3 LG Isa Bashiva (Kreatives Nähen - Facebook)

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  6. Hallo. Erst dachte ich - Fadenlauf : weiss ich - aber der Bericht ist wirklich teils für mich. Interessant, dass Mann selbst beim Rock unterschiedliche Wirkung erzielen kann. Danke dafür. Viele Grüsse

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    1. Argh Rechtschreibkorrektur und dann automatisch. Mann = man und neue Information brauchte der Bericht auch. Toll.

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  7. Dein Beitrag kommt genau zur rechten Zeit. Schon länger hüte ich einen Leinenstoff mit Stickerei parallel zur Webkante. Um ein Kleid draus zu machen, muss ich den Rockteil quer zum Fadenlauaf zuschneiden und grübele seit einiger Zeit schon darüber, ob ich das problemlos machen kann oder lieber nicht. Jetzt weiß ich's. DANKE!
    LG
    Sandra

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  8. Super erklärt. das kann jeder gut nachvollziehen .
    Hoffentlich lesen es auch die Damen die erklären wie man einen Schrägstreifen selbst herstellt und dafür eine "geraden" Streifen nehmen .

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