Samstag, 8. Februar 2020

..und darum sollte man Webware nicht mit der Overlock nähen!

Bei vielen wird die Nähmaschine inzwischen flankiert von einer Overlock - so auch bei mir. Ich nähe ja nun eher selten Wirkware und nutze die Overlock vor allem zum Versäubern von Nahtzugaben bei Webware. Immer wieder fällt mir auf, dass gerade für Anfänger nicht so recht verständlich ist, warum gewebte Stoffe nicht mit der Overlock zusammengenäht werden sollten oder warum diese Nähte nicht halten.


Schuld daran, dass Overlocknähte in Webware nicht halten, ist nicht die Art der Naht oder die Maschine, sondern vielmehr die zu kleine Nahtzugabe. Die Overlock schneidet die Stoffkante gleichmäßig ab und umschlingt sie dann. Die Breite der Overlocknaht und damit die Nahtzugabe liegt dadurch zumeist nur bei 0,3-0,8cm.

(1) Die Nahtzugabe sorgt aber dafür, dass die Naht auch bei Zug und Belastung ausreichend Halt im Stoff hat. Damit die Stoffkanten nicht (zB beim Waschen und beim Tragen) weiter ausfransen, kann man sie mit der Overlock, die lose Fäden an Ort und Stelle hält, hervorragend versäubern - aber auch dabei sollte man darauf achten, dass nicht zu viel Nahtzugabe weggenommen wird!


(2) Ist die Nahtzugabe zu klein, dann haben die Fäden nicht genügend Halt und rutschen einfach aus der Bindung - der Stoff franst quasi aus der Naht heraus. Je nachdem wie lose der Stoff gewebt ist und wie breit die Naht(zugabe) ist, braucht es mehr oder weniger Belastung bis die Fäden nicht mehr ineinander halten können.


Bei Webware sollte die Nahtzugabe daher in der Regel mindestens 1,5cm betragen - teilweise auch mehr zB bei Cord oder Leinen. An sehr beanspruchten Stellen ist eine Kappnaht zu empfehlen, die die Belastung auf mehrere Nähte verteilt.

Doch warum franst nun ausgerechnet die Webware aus?

Webware wird stets durch eine Bindung von Kettfäden und Schussfäden hergestellt. Kettfäden sind stramm in den Webstuhl gespannt und Schussfäden werden dann durch die Kettfäden durchgefädelt (oder namensgebend durchgeschossen). Kettfäden entsprechen dem Fadenlauf und die Schussfäden liegen quer dazu.

Je nachdem in welchen Abständen der Schussfaden die Kettfäden über- und unterläuft entstehen unterschiedliche Bindungen. Hier gezeigt ist die einfachste Bindung, nämlich die Leinwandbindung, bei der abwechselnd der Kettfäden über- und unterlaufen wird. Daneben gibt es noch die Köperbindung (typisch dafür: Denim) und die Atlasbindung (typisch dafür: Satin). Gemeinsam ist allen Webwaren, dass Fäden waagerecht und senkrecht zueinander laufen und daher können die Ränder auch ausfransen und brauchen mehr Nahtzugabe.

Bei Maschenware hingegen werden Fäden nicht verwebt, sondern durch das Verschlingen von Fäden werden Maschen gebildet. Das geschieht bei Strickware nacheinander in einer Reihe und bei maschineller Wirkware durch das gleichzeitige Bilden mehrere Maschen mit einem Faden (Kulierwirkware) oder mehreren Fäden (Kettenwirkware).

Hier wird die Trikotlegung gezeigt. Da dabei Maschen immer mit abwechselnden Fäden gebildet werden, ribbeln diese Stoffe nicht auf und entwickeln auch kaum Laufmaschen - und gerade deshalb hält auch die Overlocknaht trotz kleiner Nahtzugabe in den Maschen- und vor allem Wirkwaren!

..und darum sollte man Webware nicht mit der Overlock nähen, sondern eben nur versäubern. Ich hoffe, der Beitrag konnte ein wenig zum Verständnis beitragen und falls noch Fragen bestehen, sagt gern Bescheid.

Kommentare:

  1. Danke :-) :-) für die tolle Aufklärung! Liebe Grüße!

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  2. Super erklärt und ehrlich, dass warum war mir bisher auch noch nicht so klar...Vielen Dank und liebe Grúße

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  3. *leise grinst*
    kauf Dir 'ne größere Ovi, und nimm die 5-Fäden-naht: Kettnaht und daneben die 3-fädige Versäuberung.
    Hält.
    4-Faden-Ovinaht einfach in der Regel auch - wenn das Kleidungsstück klassische Weitenzugaben hat.
    (Und ich weiß, Du trägst gern eher "alles, was der Stretch hergibt")
    Dein Beispielstoff dazu ist auch noch einer, wo Dir die Versäuberung mit der Ovi eh gerne so schon rausrutscht... das ist nicht ganz fair. Der Ovi gegenüber.

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    1. Das stimmt, je nach eigener Erfahrung, nach Nähstück und dessen Verwendung, nach Overlock und Stoffart kann man natürlich dennoch zur Overlock greifen - das ist jedem selbst überlassen. Hier sollte vielmehr ein zumindest in meinem Nähumfeld durchaus verbreitetes Missverständnis geklärt werden. Es ging nicht darum die Overlock zu verteufeln oder Ähnliches :)

      Gruß, Anne

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