Donnerstag, 12. März 2015

Wie lang dauert ein Herrenanzug?

Bevor ihr mit dem Lesen beginnt mal eine kleine Schätzfrage: Was glaubt ihr wie lang ein Schneider für einen einfachen Herrenanzug (einreihiges Sakko, Weste und Hose) braucht?
[Rundschau 06/1951]

Am Dienstag habe ich geklagt, dass ich so lange für mein Kleid brauche - passend dazu habe ich neulich einen Artikel in der Rundschau aus Dezember 1952 gelesen. Dabei handelt es sich um das Deutsche Schneiderfachblatt und sie richtet sich an die Berufsschneider. Neben Schnittkonstruktion geht es um viele Dinge wie Kalkulation, Ausbildung, Steuern & Abgaben, Bezugsquellen, Verdienst und Risiko.

Nun hat sich wohl ein "Landschneider" per Leserbrief beklagt, dass die Kundschaft nicht bereit sei die notwendige Zeit zu zahlen und er aber 80-100 Stunden für einen Anzug brauche. Da er inzwischen auch keinen Gesellen mehr hat, muss er die gesamte Arbeit nun auch noch selbst machen, was den Preis eigentlich noch weiter nach oben treiben würde. 

Um dem Leser aufzuzeigen, dass seine Stundenkalkulation zu hoch gegriffen sei, gab es im Zuge dieses Leserbriefes eine Berechnung von Dauer am Beispiel eines maßgeschneiderten Anzuges und ich war doch etwas überrascht wie lange eine ausgebildeter Schneider dafür braucht.
[Rundschau 12/1952]

Der Anzug hatte fertig übrigens einen Fassonpreis (also die reine Werkleistung - ohne Material) von 200,68 DM, davon 8 Meisterstunden je 3 DM (24 DM), etwas mehr als 58 Gesellstunden zu je 1,27 DM (74,08 DM). 20 % waren als Gewinn berechnet, also 40,13 DM. Der Rest wurde von Arbeitskosten sowie anderen Unkosten (Steuer, Miete, usw.) verschlungen. Sobald weitere Arbeiten, mehr Anproben oder Sonderleistungen getätigt oder ein Fehler gemacht wurde, schmälerte sich der Gewinn.

Ich bin überrascht wie lange ein Anzug tatsächlich braucht - nicht dass ich nicht wüsste wie langwierig und aufwendig das Nähen sein kann, aber irgendwie dachte ich doch, dass ein Berufsschneider mehr Routine hat und schneller arbeitet - vielleicht sollte ich auch geuldiger sein und beim nächsten Kleid mal die Uhr anmachen.

Ich zumindest lag mit meinen vier Arbeitstagen, also 32 Stunden, erheblich daneben. Und wie habt ihr geschätzt? Hat jemand zufällig ein paar heutige Vergleichszahlen?

Kommentare:

  1. Also mich überrascht das nicht. Die Zahlen kann ich sogar noch toppen. In Claire Shaffers couture sewing techniques (2011) gibt sie an Arbeitsstunden für ein 'Haute Couture' Damen Kostüm allein 25-30 Arbeitsstunden für den Rock und 100-130 h für den Blazer an. Das ist dann 'klassisch geschneidert' mit jede Menge Handarbeit und komplizierter Innenstruktur aus Roßhaareinlage. Aber wer weiß, wieviel Handarbeit das arme Schneiderlein aus deinem Beispiel in seine Werke gesteckt hat? Mich würde interessieren, wie lange so etwas heute dauert. Die Anwendung von modernen Bügeleinlagen beschleunigt den Prozess doch sicherlich? LG, Susanne

    AntwortenLöschen
  2. Danke, für diesen Beitrag,
    Da ich dschon die Stunden die ein Profi für Hose und Hemd bräuchte bis Samstag nicht habe. Bekommt nun Frau Charming ein einfach geschnittenes Kleid (das dauert zwar länger als gedacht geht aber schneller).

    AntwortenLöschen
  3. Ich hätte auch getippt, dass es mehr ist. Wenn ich das "Handwerkszeug" aus den 50ern so in Betracht ziehe. Es gab keine elektrischen Nähmaschinen und eben keine hilfreichen Bügeleinlagen etc. Da war sehr viel Handarbeit dran und dafür brauchte auch ein gelernter Schneider seine Zeit.
    Trotzdem sehr interessant.
    Grüße Alexandra

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Doch, es gab elektrische Nähmaschinen (gibt es schon seit 1899, wenn auch sicher nicht weit verbreitet, aber ab den 40er/50ern gab es da eine breite Palette). Zudem würde ich bezweifeln, dass ein klassischer Herrenschneider heutzutage Bügeleinlage verwendet, ein guter Anzug sollte immer noch mit Rosshaar gearbeitet werden, wir reden ja nicht von Ware von der Stange. Die Herrenschneiderei dürfte sich also in den letzten 100 Jahren nicht nennenswert geändert haben.

      Löschen
  4. Ich hatte 1989 eine Ausbildung zur Damenmaßschneiderin begonnen. In der Berufsschule hatte ich Gelegenheit auch in die Maßschneiderei für Herren reinzuschnuppern. Nie hätte ich gedacht, daß sie (so kam es mir jedenfalls vor) aufwändiger ist als die Damenschneiderei. Ich empfand es als langweilig "nur" Hosen, Sakkos und Westen zu nähen. Handwerklich ist es absolut spannend die feinsten Stoffe in ein gut sitzendes Sakko zu verwandeln. Die Anzüge die es fertig zu kaufen gibt sind mir oft ein Graus, war in den letzten Wochen auf der Suche nach was Passenden für den Jüngsten. Das Grauen reicht dann aber nicht so weit noch einmal einen Anzug selbst zu nähen:).
    Ich nähe nach wie vor sehr gerne und viel von Hand, wie ich es gelernt habe. Von den Vorzügen der Bügeleinlage bin ich nicht wirklich überzeugt, benutze sie aber aus Zeitgründen bei einfachen Kleidern natürlich fast nur. Bei meinen Jäckchen und auch für "hochwertigere" Kleider aus Wollstoffen nähe ich die Einlage meist von Hand ein. Der Stoff lässt sich viel besser formen und den eigenen Vorstellungen anpassen. Der Unterschied wie ein Revers fällt, wenn die Einlage aufgenäht wurde ist meiner Meinung nach groß. Auch Säume nähe ich meist von Hand, bei BW-Kleidchen hingegen stört mich ein gesteppter Saum nicht. Aber jetzt schweife ich doch ein wenig ab. Um zum Thema zurück zu kommen, ein gut genähter Anzug braucht Zeit. Und gerade ein ausgebildeter Schneider braucht diese um das Kleidungsstück perfekt zu machen, eben weil er genau weiß worauf es ankommt.
    Herzlich Grüße
    Anick

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich stehe Bügeleinlage auch etwas skeptisch gegenüber - sie bremst mir zu oft den Fall oder die Bewegung im Stoff. Habe mir auch mal einen ganzen Schwung anzunähende Einlage gekauft und habe die in der Hinterhand für besondere Teile, aber bis auf ein Kleid hat meistens dann doch die schnelle, einfache Variante gesiegt.

      Und bei der Herrenkleidung gebe ich Dir auch ganz recht - ich fand die bislang auch eher unspannend, aber warum eigentlich? Verschiedene Hosenformen, hochwertige Sakkos, bunte Hemden - eigentlich stehen sie den Damen, abgesehen von Kleidchen, doch in nichts nach :)

      Löschen
  5. Super spannender Beitrag! Geniales Thema! Gar nicht mehr mit der heutigen Maschinenarbeit zu vergleichen.

    AntwortenLöschen
  6. Was für ein interessanter Post! Vielen Dank dafür. Ich hatte 40 Stunden geschätzt und nicht mal das reicht aus. Da bin ich wirklich überrascht. Aber klar die "alten" Techniken mit Rosshaar und Co. kenne ich nur vage und kann nicht einschätzten wie lang sowas dauert. LG Kuestensocke

    AntwortenLöschen
  7. Hallo
    Ich arbeite am Theater als Herrengewandmeister.
    Für das Sakko mit loser Einlage( Roßhaar und Plack) werden 40 Std. benötigt.
    Die Hose ist in ca.12-14 Std fertig.
    Die Weste in 12 Std.
    Bei einer 1. und 2. Anprobe. Plus Schnitt , Zuschnitt und Anprobenzeit.
    Das Ganze ist auch schneller zu fertigen , wenn zB. Bügeleinlage benutzt wird.
    Lg Claudia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach, wie spannend - vielen Dank, dann hat sich ja tatsächlich nicht allzuviel geändert, denn die Zahlen sind ja wirklich immer noch sehr dicht dran :)

      Löschen
  8. Ich hätte wohl auf eine Woche getippt, also 40 Stunden. Knapp daneben :-)
    Allerdings verstehe ich die Rechnung nicht. Alle aufgezählten Posten werden unten als Gesellenstunden angegeben, die 8 Meisterstunden kommen quasi aus dem Nichts dazu. Oder übersehe ich was?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Stimmt, ist mir noch gar nicht aufgefallen - womöglich braucht der Geselle in 8 Stunden Anleitung oder Ähnliches? Mhm, aber da kann ich auch nur mutmaßen. Habe nochmal nachgelesen, aber im Artikel an sich steht darüber leider auch nichts.

      Löschen
    2. Hallo
      Der Meister macht das Kundengespräch, den Schnitt und die Anproben.
      Lg Claudia

      Löschen
    3. Danke für die Erklärung, Claudia :)

      Löschen
  9. ALSO....
    Ich habe 2009 meine Ausbildung zum Maßschneider/Fachrichtung Herren erfolgreich beendet.
    Da ich nur Geselle bin,kann ich nur von der reinen Fertigungszeit sprechen und nicht von der Zeit fürs Schnitt zeichen und zuschneiden. Denn das ist Aufgabe des Meisters.
    Die Angaben die ich mache enthalten außerdem schon die Zeit für ein (beim Sakko sogar zwei) Anproben.
    Das Sakko dauert 40 Stunden, die Weste und die Hose jeweils 12-14 Stunden. Damit wären wir insgesamt bei 64-68 Stunden, wenn alles glatt läuft und keine großen Änderungen mehr vorgenommen werden müssen.
    Anick, ich muss dir zustimmen...das Herrenfach ist wesentlich aufwendiger als das Damenfach. Zwar ist bei den Damen der gestalterische Aufwand meist größer, aber was den handwerklichen Aspekt und die Art der Verarbeitung angeht ist es bei den Herren um einiges komplizierter. Es wird gerade bei der Innenverarbeitung sehr sehr viel mit der Hand genäht, weil man damit einfach eine bessere Formgebung erreicht.
    Liebe Grüße
    Maria

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Maria, Dankeschön für's Erzählen! Ich finde es ganz faszinierend, dass sich in der Maßschneiderei wohl nicht besonders viel geändert hat - all den Neuerungen unserer modernen Welt zum Trotz! :)

      Löschen