Donnerstag, 27. August 2015

Trockenwolle - Mythos selbstgestrickte Badekleidung!


Badekleidung sieht man in den Handarbeitsheften der 30er bis 50er Jahre immer wieder in gestrickter Form - wie zB in Elsa Heften (oben Elsa 05/1950 - unten Elsa 06/1952). Doch wir alle wissen wie sich Selbstgestricktes aus Naturfasern verhält, wenn es nass wird: Es saugt sich voll, wird schwer und hängt sich aus der Form - nicht umsonst sollte Wollkleidung stets liegend getrocknet werden.

Sind solche Wollsachen also wirklich für das Schwimmen und im Wasser tollen gedacht?

Ferien an der See

Der begleitende Text lockt sogleich mit einem "kühlen Bad" und lädt ein "..sich zumindest über Wochenende irgendwo im Wasser zu tummeln." Die Materialangaben im Heft geben näher Aufschluss, denn dort steht etwas von Trockenwolle.

Trockenwolle ist ein geschützter Begriff der Esslinger Wollfabrik (Kammgarnspinnerei Merkel & Kienlin) und deren hauseigene Handarbeitshefte zeigen auch, was die Trockenwolle zumindest laut Werbeversprechen kann:


Das obere Bild zeigt nur zu gut, was wir alle von gestrickter Badekleidung erwarten. Doch das untere Bild zeigt nun ganz unerwartet einen scheinbar wirklich badetauglichen Anzug. Aber wie soll das funktionieren? Bei Ingrid von Couterette gibt es eine Sonderausgabe für Bademoden, in der man lesen kann, dass die Strickstücke aus Trockenwolle "filzfrei und formbeständig durch Spezialdekatierung" seien.

Dekatieren ist eine Veredlungsform in der Stoff- und Tuchherstellung [wer sich das ausführlich durchlesen möchte, der wird hier fündig]. Kurz zusammengefasst wird im maschinellen Verfahren mit Hitze und Druck das fertige Wollgewirk widerstandsfähiger gemacht und es soll auch zB späteres Einlaufen und Verziehen verhindert werden.

Das ist aber bei der Esslinger Trockenwolle nur die halbe Wahrheit, denn wie das Patent von 1928/1929 zeigt, wird zum einen nicht am Gewirk, sondern schon am Garn gearbeitet und zum anderen vor allem eine Emulsion genutzt. Eine wässrige Lösung aus Öl und Seife und ein Bad im Aluminiumformiat soll die Wolle schon als Garn dauerhaft imprägnieren und so wasserbeständig - gar wasserabweisend - machen. Das Imprägnieren des Garns statt des fertigen Gewirks soll dann auch dafür sorgen, dass das fertige Stück atmungsaktiv bleibt. Dazu empfiehlt der Hersteller das Gestrick sehr fest und körpernah auszuführen, damit Wasser nicht durch lose Maschen dringen kann oder das Gestrick ausleiert.

Das ist dann nicht nur für Bademoden sondern auch für wetterfeste Kleidung im Herbst und Winter wichtig - so berichtet auch Dr. med. Willy Weiß im Esslinger Wollheft:


Eine andere Art Wollgarne wasserabweisend zu machen war übrigens auch die (zusätzliche) Verwendung von Paraffin (ähnlich wie Wachs) und das kennen zumindest die Strickmaschinenbesitzer, denn das benutzt man um das Garn leichtläufiger auf der Maschine zu machen.

Und natürlich gab es auch andere Hersteller von solcher Wolle - so wurde unter anderem Trocklin 10 oder Wassertrotz vertrieben. Später wurde dann zur Kunstfaser gegriffen und heutzutage handelt es sich manchmal sogar um Funktionsgarn. Zwar werden auch heute noch Wollstoffe (zB für wetterfeste Kleidung) imprägniert oder mit natürlichem Wollwachs (Lanolin) behandelt, aber zum Baden gehen reicht das wohl nicht aus. Es soll lediglich vor Spritzwasser schützen und wird neben Oberbekleidung zB auch für Wollwindelhosen benutzt.


Ob nun die Trockenwolle halten kann, was die Werbung verspricht, lässt sich nicht beurteilen. Wir müssen uns also leider weiterhin auf das reine Sonnenbaden in selbstgemachter Strickkleidung beschränken - oder hat zufällig noch jemand Trockenwolle im Vorrat liegen und erklärt sich bereit ein Exempel zu statuieren? Würdet ihr gern Bademode stricken, wenn diese sich nicht wie üblich vollsaugen und ausleiern würde?

Kommentare:

  1. Als angehende bekleidungstechnikerin finde ich das alles furchtbar interessant. Es ist schön so etwas mal auf einem Blog zu lesen :3

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  2. Hallo

    danke für deine ausführliche Darstellung, kann es sein, das der Begriff Trockenwolle in den 80gern auch bei Trachtenmodellen aufgetaucht ist, Erinnere mich mit Grauen an einen Bikini in tunesicher Häkelei aus Polytierchen

    lg

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  3. Danke für die tolle Recherche! Ich dachte bisher, die historischen Badeanzüge wären aus normaler Wolle gestrickt worden (einfach in Ermangelung besserer Materialien - Wolle saugt sich ja im Vergleich zu Leinen und BW noch recht wenig voll). Dass das ein spezielles Patent ist, ist ja interessant. Ich kann mir schon vorstellen, dass das einigermaßen funktioniert hat. Testen würde ich es aber eher nicht ;)

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